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Le Havre (2011)

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Le Havre

Kaurismäki blickt mit dem klassischen Kino der Traumfabrik wehmütig auf die Defizite der Moderne – und berührt. Einfach. Schön. Erfreulich.

Leise und ruhig zieht das Leben in der Normandie dahin, man könnte fast schon meinen daran vorbei. In Kaurismäki’s LE HAVRE jedenfalls sieht alles aus, als befänden wir uns viele Jahre in der Vergangenheit. Alles? Fast alles. Al Quaida und gedankenlos motivierte Polizisten mit modernen Waffen, die sich wundern, warum sie je weniger gemocht werden, je beflissentlicher sie ihre Befehle ausüben, sind durchaus junge Phänomene. Und was die Jungen falsch machen, muss die Gelassenheit der Alten wieder ausbügeln. Das Alter spiegelt sich, neben den Protagonisten und der bereits erwähnten Ausstattung, auch in dem harmonisch gestellten 60er Jahre Filmflair und sogar der fast ebenso alten Arri BL-2 Kamera wieder. Vielleicht trägt die Hauptfigur des Films deswegen den Namen Marcel Marx (André Wilms), eine Mischung aus Proust’scher Vergangenheit und Marx’scher Menschlichkeit, beides gleichermaßen träumerisch – wie das Hollywoodkino zu besten Technicolor Zeiten. Und irgendwie scheint der Film so das Moderne in der Vergangenheit wieder zu finden, denn erst der gesetzte (Rück-) Blick ermöglicht es, im scheinbar Wichtigen die Nichtigkeit und im Spiel mit Kleinigkeiten das ganze Leben zu finden. Einmal sitzt Marx mit der Wirtin und einigen mustergültig tätowierten Seemansstammgästen im Lokal, um ein ernstes Thema zu besprechen. Diese Zusammenkunft, welche einem politischen Gipfeltreffen in ihrer Ernstheit alle Ehre gereichte, referiert über Little Bob (Roberto Piazza) und seine Frau, die sich wegen eines Apfelbaums getrennt haben. Es sind die Apfelbäume und Kirschblüten, die dem Leben in dieser Welt die entscheidende Wendung geben, also muss auf sie geachtet werden. Die kahle Kneipe mit den säuberlich im Regal platzierten Gläsern und den antiquierten Gardinen wird trocken mit einem Schild über dem Eingang kommentiert: La Moderne! Willkommen in der skurrilen Welt von Aki Kaurismäki.

Le Havre, der Kommissar und die Ananas

Der Kommissar und die Ananas. Außen stachelig, innen süß.

Marx ist ein Schuhputzer, der nur deswegen nicht als Clochard endet, weil er Arletty (Kati Outinen) hat. Sein Optimismus ist unerschrocken, aber er weiß ja noch nicht einmal, wie schlimm es um ihn steht. Anders als Blanche DuBois aus A STREETCAR NAMED DESIRE, verlässt er sich noch nicht einmal auf die Güte anderer, er erfährt sie einfach trotzdem. In all seinem Versagen macht er menschlich doch alles richtig; das erkennt das ganze Viertel und unterstützt ihn. Diese Unterstützung kann er auch gebrauchen, denn urplötzlich erkrankt nicht nur seine Frau schwer, er gerät auch noch ins Visier der Polizei, als er einen illegalen Flüchtling aufnimmt. Eine an sich traurige Geschichte wird hier mit viel Unbedarftheit märchenhaft erzählt. Doch der Film selbst ist keineswegs unbedarft. Er rührt gerade deswegen, weil er aus den wohlwollenden Augen der Wissenden auf den Unwissenden blickt, der so rein und unbekümmert bleiben darf und gerade deswegen ein schöner Mensch wird. Wehmut bringt den gefassten Figuren dieses Films nicht nur Schmerz, sondern auch das Wissen um ein Glück, das für sie vielleicht unerreichbar, durch sie aber für andere real wird. Bebildert wird dies mit kaum bewegten Einstellungen, die in ihrer Gemächlichkeit eine groteske Komik erzeugen. Keinesfalls aus der Situation gegriffen, sondern stets Haltung annehmend, reihen sich die stilisierten Szenen zu einem kulissenhaften Spiel. Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin) trägt, wie gemalt, Mantel und Hut, als wäre auf der Jagd nach Alain Delon. Der Gemüsehändler (François Monnié) könnte auch Wilder’s DAS MÄDCHEN IRMA LA DOUCE entsprungen sein, jede bemalte, hölzerne Tür und jeder Gartenzaun erinnert an Disneyland – einzig Idrissa (Blondin Miguel), der junge afrikanische Flüchtling, scheint ganz real und voll da zu sein, in einer Wirklichkeit voller Probleme. Wie gut, dass er auf Marx trifft und wie gut, dass Marx Arletty und all die anderen hat, die an Liebe und an andere Wunder glauben. Wenn nur ein Viertel aller Menschen halb so anständig wäre, wie die Figuren Kaurismäkis, dann wäre die Welt zehnmal besser, als sie ist. Freilich ist all das Erzählte sehr unrealistisch, aber weil es hieraus keinen Hehl macht, stellt es sich der traurigen Wirklichkeit umso mehr entgegen. Frei nach Che Guevara’s Motto: Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche. LE HAVRE ist Kino. Kino, Kino, Kino, Kino, Kino.

Ähnliche Filme:

Das Mädchen Irma la Douce

Information:

Finnland, Frankreich, Deutschland 2011

Dauer: 103 Minuten

Regie: Aki Kaurismäki

Drehbuch: Aki Kaurismäki

DoP: Timo Salminen

Musik: Thomas Newman

Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Evelyne Didi, André Wilms, Elina Salo, Miquel Brown

Genre: Märchen, Drama, Komödie, Satire

Im Kino: 08.09.2011

Im Web:

Le Havre in der IMDb

Bilder und Trailer zur Filmkritik von Le Havre auf der offiziellen Website 

COPYRIGHT TRAILER bzw. FOTOS: © Sputnik Oy / Marja-Leena Hukkanen/ Pandora Film

Le Havre (2011), reviewed by Christopher Haug on 2011-09-08T20:01:06+00:00 rating 4.0 out of 5

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