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Transgressing goodness in breaking the waves von Irena S. M. Makarushka. Kritische Betrachtung der Analyse und Vergleich mit anderen Interpretationen.

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Hausarbeit Filmwissenschaft FU Berlin 2002 Christopher Haug

Gliederung

1. Einleitung

Falsche Fragestellung der Analyse

2. Hauptteil

Die Grundlagen der Analyse

1. Ansatz und roter Faden

2. Berechtigung dieses Ansatzes

3. Einseitige Dialektik

Allgemeine Untersuchung der Analyse auf Stimmigkeit und Widersprüche

1. Das Gute, der Zwang und deren Definition in der Analyse

2. Was ist Frauenfeindlichkeit?

Untersuchung der Analyse und des Films im Hinblick auf konkurrierende Interpretationen

1. Die Lebensgebende Kraft der Liebe

2. Jesus oder Jeanne d’ Arc

3. Der Gott in Breaking the Waves

3. Schluss

Vorzeigefrau Bess?

Literaturverzeichnis




Falsche Fragestellung der Analyse

Eigentlich ist Breaking the Waves von Lars von Trier der Film, der die Gemüter aufgrund seiner unorthodoxen Machart bewegte, doch auch auf anderem Gebiet sorgte er für Aufregung. Reihenweise nahmen Glaubensgemeinschaften daran Anstoß, ob nun evangelisch, katholisch, methodistisch oder was auch immer, die Interpretation von Bess trieb die Meinung von Vorzeigechristin bis zu blasphemischer Verfehlung.

Vorliegende Analyse von Irena S. M. Makarushka1 vertritt wiederum eine ganz andere Position, die dem Film Frauenfeindlichkeit absprechen soll, Religion kritisiert und Bess auf einen freien Willen2 erforscht. Diese Hausarbeit soll die Argumentation von Makarushka untersuchen und feststellen, ob die Analyse zum einen ihrem religions- und gesellschaftskritischem Ansatz gerecht wird und zum anderen, inwiefern dieser überhaupt gerechtfertigt ist. Dabei wird sich herausstellen, dass die Analyse mit falschen Fragestellungen an den Film arbeitet. Um dies zu verdeutlichen, werden zu entscheidenden Passagen des Films vergleichende Analysen zu Rate gezogen, wobei auch stark mein eigenes Interpretationsmodell mit einfließt, welches in Breaking the Waves eine Kritik an fanatischer Religionsausübung sieht.

Die Grundlagen der Analyse

1. Ansatz und roter Faden

Die Analyse legt eine Lesart nahe, die Breaking the Waves als einen Film vorstellt, in welchem Lars von Trier über die verschiedenen Bedeutungen von Gut und ihre kulturelle Entstehung nachdenkt. Womit sich nun laut Makarushkas diese Analyse beschäftigen soll, ist die Frage, ob Bess zu ihrem Handeln gezwungen wird oder ob alles aus freiem Willen geschieht (TG 4). Darüber hinaus soll ihre Analyse, die wie sie selbst erwähnt von feministischer Filmkritik beeinflusst wurde, dem Film und somit Lars von Trier jegliche Frauenfeindlichkeit absprechen. (TG 11) Stattdessen sei  eine Kritik an ebensolchen frauenfeindlichen und repressiven Gesellschaftsordnungen zu erkennen. In diesem Film und Bess Streben nach dem Guten erkennt die Autorin also einen Einblick, der aufzeigt wie schwer es einer Frau zu stehen kommt, wenn sie ihrer persönlichen Überzeugung des Guten folgt.

Der Ansatz bewegt sich somit ein Stück weit vom allgemeinen Thema weg, „This film is about good“3, und beinhaltet eine Frage und eine These. Allerdings steht die Frage in keinerlei direkter Verbindung zur aufgestellten These. Vielmehr bleibt die Frage nach freiem Willen und Zwang semantisch bis zuletzt ungelöst, wohingegen die These der Kritik an patriarchalisch, repressiven Gesellschaftsordnungen und Religionen an vielerlei Beispielen bestätigt wird.

Ich vermute, dass eine Bestätigung des freien Willens zwar nicht für Lars von Triers Kritik an der Religion und Gesellschaft sprechen soll, aber doch zumindest gegen feministische Filmkritiken, die ihm Frauenfeindlichkeit und die Erschaffung einer Heldin vorwerfen, welche unter den Regeln der Unterdrückung agiert und zu dem Schluss führen könnte, nur eine tote Frau sei eine gute Frau. Unter dieser Annahme wären Frage und These vereinbar, wenngleich eine solche direkt Verknüpfung in der Analyse nicht zu finden ist. Daher fällt es auch schwer überhaupt einen roten Faden zu erkennen und ihrer Argumentation zu folgen, die sie wie folgt aufbaut.

Der erste Teil der Analyse wird mit „Das Gute“ übertitelt und soll zeigen, wie Bess die Moral ihrer Umwelt negiert. Familie, Religion und Hochzeit markieren hierbei das moralische Umfeld, in dem die Autorin eine andere Interpretationen des Guten sieht als bei Bess. Über diese drei Punkte wird auch die „Zwickmühle“ veranschaulicht, in der Bess sich befindet. Die Analyse kommt eigentlich zu dem Schluss, dass Bess ihren persönlichen Glauben an das Gute über die „Moral von außen“ stellt, was auch einen freien Willen nahe legt (TG 32), ansonsten beschränkt sich der 1.Teil der Analyse ausschließlich auf die These der gesellschaftlichen und religiösen Kritik. Makarushka verpasst es hier, insbesondere als sie von den Gottgesprächen spricht (TG 26-32), ihre eigene Analysefrage zum Thema Zwang zu beantworten. So lässt sie in Absatz (32) ganz offen wer für Gott spricht und somit Einfluss auf Bess nimmt, wo sie doch zuvor erkannte: „Therefore, her conversation with god reflect both [,] the traditional values she internalized and a freedom of desire more than that which her religious community values.“(TG 26). Auch bemerkte sie früher schon, Bess Verständnis von Gut bestünde aus der Lehre der Kirche, gefiltert durch ihren eigenen Glauben an die Liebe (TG 26). Dennoch verzichtet Makarushka darauf hierin ein Anzeichen für unfreien Willen oder Fremdbeeinflussung zu erkennen.

Der 2.Teil, „Das regelbrechende Gute“, soll auf die Spannungen zwischen Gut und Gutsein eingehen, die sich nach Jans Unfall für Bess ergeben. Dabei steht Gutsein für den regelbrechenden Wunsch von Bess gut zu sein. Im Endeffekt handelt es sich aber wieder, wie im ersten Teil, um konkurrierende Vorstellungen von Gut, und zwar die von Bess und die der Außenwelt, nur dass es Bess jetzt als gut angerechnet wird, wenn sie den Mut beweist und das Risiko eingeht Regeln zu brechen. Die Trennung der beiden Teile findet also lediglich zeitlich statt, nämlich vor und nach dem Unfall, der die Situation verschärft. Über Musik, die Glocken und Sex soll Bess Wahl die Regeln zu brechen erkundet werden. Wie im ersten Teil enthüllen Musik und die Glocken von Triers Kritik an Gesellschaft und Religion und somit Bess Gutsein. Erst Bess Sexualität bringt die Autorin zurück zu ihrer oftmals wiederholten Frage, ob Bess aus eigenem freien Willen handelt. Die Analyse scheint dies zwar zu bestätigen (TG 47)4, lässt diese Erkenntnis aber nur kurz wahren. Psychoanalytisch betrachtet, steht Bess nämlich doch unter einem Zwang, der vielleicht eher triebhaften Natur ist. So überraschend wie dieser psychoanalytische Ansatz kommt, verschwindet er auch wieder und mit der Widerlegung der Martyrertheorie im Schluss, kommt Makarushka plötzlich wieder auf die Frauenfeindlichkeit zu sprechen, die sie somit vollständig entwertet. Dass ihr Schlusssatz die Frage nach Zwang und freiem Willen wieder offen lässt, führt meines Erachtens zur vollständigen Verwirrung, diese Frage betreffend.

Der rote Faden der Analyse bleibt die Religions- und Gesellschaftskritik, welche über die Auseinandersetzung mit verschiedenen Interpretationen von Gut zu Tage tritt. Damit verbunden ist natürlich auch immer die problematische Stellung der Frau. Dies ist insofern verwirrend, da eigentlich die Frage um den freien Willen, oftmals wiederholt und zu Beginn groß angekündigt, der rote Faden der Analyse sein müsste. Ihre aufgestellten Thesen hält Makarushka zwar ein, jedoch zeigt diese Hausarbeit wie dies in mancherlei Hinsicht besser hätte geschehen können.

2. Die Berechtigung dieses Ansatzes

Sich mit dem Bild der Frau auseinander zu setzen und folglich auch feministische Kritik an Bess zu betrachten, erscheint für eine Analyse zu Breaking the Waves durchaus sinnvoll, nicht zuletzt wegen der großen Aufmerksamkeit, die diesem Film von feministischer Seite zu Teil wurde. Darüber hinaus ist Lars von Trier dafür bekannt, seine Filme mit außergewöhnlichen weiblichen Hauptrollen zu versehen, was diesen Punkt der Analyse noch essentieller macht.

Das Erforschen von Religion und Gesellschaft scheint ohnehin unumgänglich, spielt beides doch eine zentrale Rolle im Film. Dass Lars von Triers Hauptaugenmerk in Breaking the Waves nicht diesen Themen galt, hinderte die Öffentlichkeit nicht, verschiedenste Überlegungen über Bess und ihre Bedeutung für die Religion anzustellen. Allein dieser öffentlicher Diskussion wegen, die auch von vielen religiösen Institutionen aufgegriffen wurde, scheint Makarushkas Analyse in jedem Falle gerechtfertigt, zumal sie Bess in eine ganz andere Position rückt, als die meisten Kritiker vor ihr.

Allerdings kann Makarushka bis zuletzt nicht wirklich klarmachen, warum die Frage um Freiheit und Zwang so wichtig ist, und lässt schließlich auch ihre Beantwortung offen. In dieser Hausarbeit vertrete ich an verschiedenen Stelle die Meinung, dass Bess nicht ganz aus freiem Willen handelt5, wenn sie beschließt sich für Jan zu prostituieren. Zwar sehe ich in ihrem Handeln eine Abkehr von den gesellschaftlichen Normen, der grundlegende Einfluss ihrer religiösen Prinzipien bleibt ihr jedoch bis zuletzt erhalten.

Bess einen freien Willen zu unterstellen würde sie aus der „Opferrolle“ heben, und vermutlich nach der Ansicht der Autorin auch dem Jeanne d´Arc Vergleich widersprechen, was wiederum der frauenfeindlichen Kritik entgegensprechen könnte. Dies sind zwar nur Mutmaßungen, da aber eine detaillierte Begründung zu dieser Fragestellung fehlt, vielleicht das Naheliegendste.

Dass Bess aber über einen freien Willen verfügt und sich dadurch vielleicht von einem Jeanne d´Arc Stereotypen abhebt, zeigt die Analyse nicht. Ebenso wenig wird das Gegenteil bewiesen, nämlich die unfreie Bess in der Rolle der Jeanne d´Arc. Stattdessen wird das Märtyrertum (und somit auch die Frauenfeindlichkeit?) im Schlussplädoyer abgelehnt, was eine Verknüpfung der Diskussionen von Frauenfeindlichkeit und freiem Willen zunichte macht. Letztere bleibt nämlich ungelöst.

Um gegen frauenfeindliche Kritik zu sprechen trägt das Wissen um eine mögliche Freiheit also nicht bei. Selbst ihre These, dass religiöse und gesellschaftliche Kritik geübt wird, erfüllt sich ohne dieses Wissen.

Bess als eher unfrei zu betrachten bringt mich zu dem Schluss, dass von Trier den Fanatismus in der Religion und seinen Einfluss auf gute Menschen kritisiert, was unweit von Makarushkas These der Kritik an patriarchalischer Gesellschaft und dogmatischer Religion liegt. Was aber kann Makarushka aus dem Hickhack ihrer immer wieder aufgeworfenen Frage um den freien Willen und deren erst fast und dann doch wieder nicht Beantwortung schließen? Diese Frage scheint für die Analyse sehr unbrauchbar und im philosophischen Sinne sowieso nicht zu beantworten.

3. Einseitige Dialektik

Neben der unglücklichen Wahl, den freien Willen von Bess als zentrale Frage zu verwenden, ist Makarushka auch mit dem Versuch der Beantwortung dieser Frage etwas einseitig. Zwar wird die Frage nie beantwortet, doch findet über die Argumentation eher eine Gewichtung zum freien Willen hin statt. Dies zeigt einmal die Interpretation der Gottgespräche, die im einen Moment zwar als Vermischung von Bess Wünschen und der „Moral von außen“ gesehen werden (TG 26), dann aber bewusst als offenes Mysterium präsentiert, wieder einen freien Willen von Bess ermöglichen (TG 32). Außerdem finden sich immer wieder Formulierungen im Text die wie folgende: „ …a ‘good’ that emerges out of her own desire and love for Jan…“ (TG 32), die die Frage zu Gunsten des freien Willens schon gelöst zu haben scheinen.

Ihr gewichtigstes Argument, wie beim Erörtern von Entscheidungsfragen üblich, bringt die Autorin am Ende des 2.Teils. Die Hausarbeit befasst sich mit dem dort aufgeführten Thema unter ‚Die lebensgebende Kraft der Liebe‘ genauer. Hier kommt die Analyse zu dem Schluss: „This pleasure [sex] was so great that they both believed it to be life-giving. (…) Whether or not Jan asks her to take lovers because he is heavily medicated or because the injury created a mental imbalance is not the issue. What matters, it seems to me, is what Bess believes to be the power of her unconditional love. Jan says: ‘Love is a mighty power.’“ Bess Handeln wird also durch ihren eigenen Glauben und ihre Liebe begründet, nicht weil irgendetwas oder jemand sie dazu zwingt.

Was nun folgt ist ein Ausflug in die Psychoanalyse, der Bess plötzlich doch unter einen triebhaften Zwang stellt, von dem bisher noch gar nicht die Rede war. Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist die Psychoanalyse zu konsultieren, wenn es um den freien Willen geht. Darüber hinaus wirkt dieser etwas überraschende Einschub gerade an dem Punkt, als die Frage um den Zwang entschieden schien, eher wie ein Versuch die Dialektik um die Beantwortung der Hauptfrage zu wahren, da diese bisher recht einseitig ausfiel. Das abschließende Offenlassen der Frage mit dem Schlusssatz wirkt da nur mehr verwirrend.

Allgemeine Untersuchung der Analyse auf Stimmigkeit und Widersprüche

1. Das Gute, der Zwang und deren Definitionen in der Analyse

Das Gute als moralische Kategorie zu betrachten setzt für Makarushka voraus sich einer Definition für das Gute zu bedienen. ‚Female Perversion: The Temptation of Emma Bovary“ lautet eine Analyse über soziales und sexuelles Verhalten am Beispiel von Flauberts „Emma Bovary“, 1991 von Louise J. Kaplan veröffentlicht. Demzufolge gilt als pervers, was den gängigen Erwartungen des Guten widerspricht. Das bedeutet für Frauen, sie müssen den Erwartungen wie Unterwürfigkeit, Reinheit, Jungfräulichkeit usw. entsprechen um gut zu sein, abhängig natürlich von den jeweiligen Erwartungen der Gesellschaft, die laut Kaplan dazu da sind, Frauen zu unterdrücken. Frauen, die nicht in dieses Schema passen leiden häufig an Essstörungen oder ähnlichem oder aber sie versuchen auszubrechen, was ihnen auch keinen leichteren Stand verschafft. Diese ‚Zwickmühle’ des Guten erkennt Makarushka auch bei Bess in Breaking The Waves.

Mit dieser Definition lässt sich sehr gut filmimmanent und aus der Sicht der Charaktere die Problematik von Bess in der strengen calvinistischen Gemeinde erkennen. Bess und alle anderen Figuren haben unterschiedliche Definition von Gut. Dabei werden von den Dorfältesten über den Pfarrer, ihre Mutter, Dodo und Doktor Richardson verschiedene Positionen eingenommen. Allerdings stellt sich für mich die Frage, ob es angebracht ist, die Frage ob Bess gut ist oder nicht mit den filmimmanenten Kategorien des Guten zu beantworten?

Dass Bess für ihre Gesellschaft nicht gut ist steht ohnehin außer Frage. Wenn wir Fragen ob Bess gut ist, dann natürlich für den Zuschauer. Die Analyse scheint aus dieser logischen und grundsätzlichen Erkenntnis jedoch ein Geheimnis zu machen, das erst zu Beginn des 2.Teils, transgressing Goodness, enthüllt wird. Bis dato bezieht sich die Autorin also immer mit Blick auf Kaplans Definition auf das Gute in der jeweiligen Gesellschaft.6

Ich wage es zu bezweifeln, dass von Trier der emotionalen Güte von Bess ernsthaft die Dogmatik und strenge der Kirche und der Gesellschaft im Film gegenüberstellt. Letztere ist heutzutage und auch im Film gar nicht zu halten. Außerdem sagte er selbst, es ginge ihm nicht darum eine Gesellschaft von Pedanten zu kritisieren, was wie Fischen im Aquarium und somit zu einfach wäre.7

Jetzt aber, wo sie erkennt, dass Bess nur über ein externes Wertesystem zu beurteilen sei, folgt der Teil der Analyse, in dem der Bruch der moralischen Regeln als dynamischer Akt des Gutseins gezeigt werden soll und nicht mehr gefragt wird, ob Bess filmimmanent gut ist.

Wenn Makarushka erkennt, dass nicht die Prostitution an sich Bess schlimmster Regelbruch war, sondern ihr Spaß am Sex (TG 47) fragt sich, von wem die moralisch Wertung des Regelbruchs stammt? Von der filmimmanente Gesellschaft und Kirche, vom Zuschauer oder von ihr selbst, die sie für das Journal of Religion and Film schreibt? Ich würde behaupten, von der filmimmanenten Gesellschaft (obwohl diese nichts von ihrem Spaß am Sex, sondern nur von ihrer Prostitution weiß). Somit bleibt die Autorin, obwohl sie zuvor selbst erkannte Bess Güte sei nur über ein externes Wertesystem zu erkennen (TG 34), wieder bei den Gütekategorien des Films.

Äußerlich betrachtet erscheint es sowieso zweifelhaft, ob sich die Frage „Ist Bess gut?“ überhaupt stellt (was die Analyse über zwei drittel tut), wenn man nicht filmimmanent denkt. Wer würde heute noch jemanden verurteilen, weil er sich prostituiert oder Spaß am Sex hat?8 Vielmehr wird doch die Frage aufgeworfen, ob Bess Jan wirklich gerettet hat, ob ihr Leiden wirklich sinnvoll war und ob es gut und sinnvoll ist seinen persönlichen Vorstellungen von Gut bis hin zur Selbstaufopferung für andere zu folgen. Und auf diese Fragen gibt der Film auch Antworten bzw. Hinweise, wie die Hausarbeit unter ‚Der Gott in Breaking the Waves’ zeigt.

Wie das Gute, so ist auch der Zwang nicht immer richtig definiert. Nie geht die Analyse darauf ein, um welchen Druck oder Zwang es sich genau handelt, dem Bess  ausgesetzt ist.

Zum einen bestehen ja Zwänge in der Gesellschaft für Bess, die aber auch Zwänge für Jan oder von Jan sein können, ganz zu Schweigen von den religiösen Zwängen. Schließlich geht es Makarushka ja darum herauszufinden, ob die Entscheidung sich zu prostituieren ein Zwang ist oder nicht. Niemand würde behaupten, die Gesellschaft zwingt Bess sich zu prostituieren. Eher üben die Regeln der Gesellschaft einen indirekten Zwang aus, nämlich Jan zu gehorchen und ihm beizustehen. Das könnte man meinen, wenn sie in Absatz (49) sagt: …or is she merely one more women who loses her self and gives up her life to satisfy a man´s needs.” Früher jedoch spricht sie nur von: “…whether she does indeed chose out of her own sense of freedom, whether she is coerced or both.“ und lässt ganz offen, was Bess denn zwingen könnte. Gleiches bei „…matter of choice or bondage of some stereotype.“(18), mit Bezug auf Kaplan. Auch hier geht nicht hervor, ob der Zwang gesellschaftlicher oder religiöser Natur ist. Es ist aber nicht ratsam, das Religiöse mit dem Gesellschaftlichen in einen Topf stecken, denn während sich Bess einer gewissen Religiosität bis zuletzt verpflichtet fühlt9, spaltet sie sich von ihrer Familie und ihrer Umwelt komplett ab. Von Trier selbst, beispielsweise, sieht überhaupt keinen Zweifel am Einfluss der Religion auf Bess, deren Bedingungen Bess vollständig akzeptiere. Er bezeichnet sie sogar als Produkt ihrer Religion.10

2. Was ist Frauenfeindlich

Wenn Bess nur gut sein kann, indem sie sich opfert, ist das schon frauenfeindlich? In gewisser Weise ja, denn mit der Parallele zu Jeanne d´Arc betreten wir christliches Terrain, welches Frauen nur selten andere Lösungen zum Gutsein bietet. Auch übertragen auf viele noch gängige Gesellschaftsmodelle, scheint dieser Schluss gerechtfertigt.

Um bei der Religion zu bleiben, wäre aber folgendes zu bedenken. Bess Gutsein kann ja nur in dem Fall als solches betrachtet werden, wenn wirklich Gott mit ihr spricht, wie bei der Jungfrau von Orleans. Wäre dies nicht der Fall, würde feministischer Kritik der Boden entzogen, denn Bess Handeln könnte ja auch als Tat einer Verrückten gelten, das niemand von ihr verlangt. Bei Jeanne d´Arc gehen wir davon aus, dass wirklich Gott zu ihr sprach und somit ein Wunder geschah, bei Bess kann weiter spekuliert werden, ob wirklich sie Jan gerettet hat. Aus feministischer Sicht steht also erst mal nur Jeanne d´Arc unter dem Joch der guten Frau, die sterben muss, um gut zu sein. Um gleiches für Bess geltend zu machen, müsste erst geklärt werden, welche Hinweise der Film gibt, dass es sich wirklich um ein Wunder handelt. Gegen feministische Kritik zu sprechen, verlangt dementsprechend eins zu beweisen: Dass es sich nicht um ein Wunder und somit nicht wirklich um Gott handelt, der mit Bess kommuniziert. Dann würden wir, als Zuschauer, Bess Tat nicht als das Richtige und Gute betrachten, unbeachtet der Frage ob Bess ein guter Mensch ist oder nicht. Dies beschert uns zu einer grundsätzlichen Idee von Makarushka, nämlich gegen Frauenfeindlichkeit im Film zu sprechen, eine ganz neue Fragestellung: Hat Bess durch ihre Prostitution Jan wirklich gerettet?

Makarushka stellt diese Frage nicht oder zumindest nicht in diesem Zusammenhang.

Untersuchung der Analyse und des Films im Hinblick auf konkurrierende Interpretationen

1. Die lebensgebende Kraft der Liebe

Das gewichtigstes Argument für Bess freien Willen ist also die Art der Beziehung, die sie mit Jan verbindet. Die Analyse weist darauf hin, dass die beiden eine Liebe leben, welche auf der Lust der Sexualität aufbaut und sich zu einer Art spirituellem Kontakt zwischen den beiden weiterentwickelt hat (TG 48). Der Sex mit Jan, bereitet ihr laut Makarushka gar soviel Freude, dass sie und Jan ihn für lebensgebend halten (TG 47). So soll dann auch erklärt werden, dass Bess frei entscheidet sich für Jan zu Opfern, da sie ja selbst von der Macht der Liebe überzeugt ist und außerdem diesen spirituellen Kontakt zu Jan bewahrt, auch wenn sie mit anderen Männer verkehrt.

Diese Vorgehensweise lässt aber zwei wichtige Punkte außer acht, die auch filmimmanent zu finden sind. Erstens ist es für Makarushka scheinbar eine Tatsache, dass Jan nicht zurechnungsfähig war, in dem Moment, als er Bess auftrug sich mit anderen Männern zu treffen.11 Sie unterscheidet nur zwischen ‚Unter Medikamenteneinfluss‘ und ‚Mental nicht zurechnungsfähig wegen Verletzung‘. Dass er es doch sein könnte, kommt für sie gar nicht in Frage, womöglich, da in diesem Falle der Eindruck entstehen könnte, Jan befehle Bess, was sie ihrer Freiheit berauben würde, die gerade in diesem Abschnitt untermauert werden soll. Hierzu muss erwähnt werden, dass meiner Meinung nach und auch in einer anderen Analyse12, Jan als durchwegs positive Figur betrachtet wird, die Bess damit beauftragt Liebhaber zu haben, um sich von ihm als Krüppel lösen zu können, zumal Scheidung in ihrer Gemeinde nicht zulässig ist. Bess hingegen missversteht ihn, was zur bekannten Tragödie führt. Lars von Trier selbst kommentierte das Ganze: „‘Die Menschen tun einander nur Gutes an. Nur dann, so sagt der dänische Regisseur, […] weint es sich am besten. Aber weil ‚das Gute‘ oft missverstanden oder mit etwas anderem verwechselt wird, weil wir ihm so selten begegnen, entstehen Spannungen.’“13 Bezugnehmend auf ihre weitere Argumentation bedeutet das, Jan war ganz bestimmt nicht von der lebensgebenden Kraft der sexuellen Liebe überzeugt, und höchstwahrscheinlich auch Bess nicht, die in diesem Fall wirklich nur versucht zu tun was Jan ihr aufträgt, wenn auch aus Liebe. Bess reagiert ja auch äußerst verärgert auf Jan, als dieser ihr das erstemal vorschlägt, sie solle sich doch einen Liebhaber nehmen. Von lebensgebender Kraft war hier noch nicht die Rede.

Es stellt sich überhaupt die Frage, warum Makarushka an diesem Punkt die Gottgespräche nicht konsultiert, die, wenn überhaupt, als einzige Aufschluss darüber geben könnten, ob Bess dem Zwang der Gesellschaft ihrem Mann zu gehorchen unterliegt, wenn sie sich prostituiert, oder ihrer religiösen Prägung folgt, oder aber ob sie sich nur von ihrer Liebe leiten lässt.

Der zweite Punkt, der eine Unstimmigkeit mit sich bringt, ist die spirituelle Beziehung, die Makarushka Bess ohne weiteres abnimmt. Ob und inwiefern die beiden eine übernatürliche Beziehung bindet, können wir letztendlich natürlich nicht wissen. Es bleibt allerdings zweifelhaft zu glauben, dass Bess wirklich mit Jan in Kontakt steht, während sie mit den andren Männern Sex hat, wo es doch so qualvoll für sie ist. Möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich wäre doch, dass Bess sich wünscht, es wäre so, um besser mit den negativen Empfindungen umzugehen. Zudem hilft ihr diese Behauptung vordergründig Dr. Richardson abzuwimmeln. Dass Makarushka diesen Gedanken mit in ihre Argumentation aufnimmt um zu verdeutlichen, dass Bess ganz und gar von der sexuellen Liebe überzeugt ist, halte ich für konstruiert.

2. Jesus oder Jeanne d´Arc

Bereits zu Beginn der Analyse wird darauf hingewiesen, dass christliche Symbolik im Film immer als ironisierendes und kritisches Moment gegen eine dogmatisierte Religion gesehen werden kann. So auch die von einigen Kritikern und von Trier selbst geäußerte Parallele zu Jeanne d’ Arc, die nach Makarushka nur ein gängiges Paradigma wachrufen würde, welches den wahren Zugang zum Film verwehrt. Damit wehrt sie vermeintlich auch feministische Kritik ab, die Bess ebenfalls in der Rolle der Martyrerin sieht und vor allem anprangert von Trier würde in Bess ein frauenfeindliches Bild nach dem Motto, nur eine tote Frau ist eine gute Frau, manifestieren.

Ich stelle mir die Frage, ob dieser Vergleich überhaupt passend ist. Meinen Überlegungen zufolge wäre es weitaus passender, eine Parallele zu Jesus zu ziehen, als zu einer Martyrerin. Für Bess als Martyrerin spricht lediglich ihr verbaler Kontakt zu Gott. Aber anders als beispielsweise Jeanne d´Arc befindet sich Bess in einer noch selbstloseren Opferrolle. Ein Martyrer zieht den Tod vor, wenn er gezwungen wird Gott zu verleugnen. Bess hingegen nimmt den Tod in Kauf um Jan zu retten. Sie opfert sich, für seine Erlösung. Als sie von den Steine werfenden Kindern verfolgt, zum letzten Mal den Weg zur Kirche antritt, ist klar eine Ähnlichkeit zu Jesus Weg zur Kreuzigung zu erkennen. Bess ‚Kreuzigung’ findet ebenfalls gleich im Anschluss auf dem Schiff statt. Sie opfert sich für Jans Erlösung und steigt auf in den Himmel, symbolisiert durch die Glocken.14

Diese Jesus Parallele, ist augenscheinlich viel gerechtfertigter als der Martyrer Vergleich. Bess würde damit praktisch in den Olymp der Heiligkeit gehoben. Deshalb wäre es auch hier angebracht zu fragen, inwiefern Lars von Trier dieser Ähnlichkeit Rechnung trägt, oder ob auch hier Kritik mit im Spiel ist. Dazu ein Zitat von ihm: „ ‘Ich bin römisch-katholisch, und am Anfang meiner religiösen Karriere – was noch nicht so lange her ist – glaubte ich wirklich, dass extreme Religion das Wichtigste wäre.’“15 Lars von Trier, Sohn extremer Linker und bis vor kurzem konfessionslos, ist heute römisch katholisch, aus Protest, wie er sagt, gegen die Haltung seiner Eltern. Das Zitat macht zwei Dinge klar. Erstens, Lars von Trier beschäftigt sich mit fanatischem Glauben und war selbst Anhänger davon und zweitens, er hat diese Phase hinter sich gelassen und erkannt, dass diese Art der Religion nicht die Richtige ist. Genau das gleiche findet sich meines Erachtens in Breaking the Waves wieder. Es ist wie eine sanfte Kritik an fanatischer Religiosität, hinter deren erschreckenden Taten eigentlich nur Menschen mit den besten Absichten stehen, siehe Bess. Wie Makarushka würde ich behaupten, dass er harsche Kritik an der institutionalisierten und dogmatisierten Religionsausübung äußert und eine Religion der Liebe, Natürlichkeit, Offenheit, Leidenschaft und Sinnlichkeit proklamiert. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, von Trier kritisiere zusätzlich den schlechten Einfluss der Kirchengemeinde auf Bess, der sie mitunter in diesen Fanatismus getrieben hat. So weit kann Makarushka aber nicht gehen, da sie aus welchen Gründen auch immer an ihrer Frage um den freien Willen festhält, der solche Einflussnahme verbietet.

Schließlich lässt Makarushka selbst von Trier durch Bess eine ästhetische Religion befürwortet, die Verlangen, Leidenschaft und Sinnlichkeit usw. enthält, im Gegensatz zur Strenge und Kälte des Dogmatismus. Wie ist aber diese Position mit der harten Stimme Gottes zu vereinbaren, der Bess folge leistet, wenn sie sich prostituiert? Ich meine gar nicht. Folglich ist es die vorherrschende Religion, die sie dazu treibt, dies zu tun und nicht der Teil ihres Glaubens, den Makarushka transgressing goodness’ nennt. Begründen möchte ich dies zum einen mit dem Zitat von Lars von Trier, das darauf schließen lässt, dass er gegen religiösen Fanatismus ist und zum anderen mit dem Verhalten von Bess, die selbst dann nicht mehr auf Jan eingeht, als er in einem klaren Moment versucht sie von ihrem Tun abzubringen, weil sie so besessen ist von der Idee ihn zu heilen.

3. Der Gott in Breaking The Waves

Die vorliegende Analyse sieht den God´s View bereits als eine Art Vorwegnahme der Ereignisse, als kritischen Kontrapunkt zur Narration um Bess und als eine Art musikalisch visuellen Kommentar zu den Geschehnissen da unten. Diese Funktionen passen ebenfalls tadellos zur Idee der Kritik an fanatischer Religion, denn Lars von Trier nimmt Bess Aufopferung nicht ernst. Endet die Interpretation des God´s View der Analyse mit dem Benennen der oben genannten Funktionen, möchte ich diesen gerne eine Begründung einräumen.

God´s View ist wie eine Phantasie von Bess, wie schön die Welt sein könnte und Gott sie sieht. Dort gibt es tolle Farben, imposante Landschaften, Musik im Überfluss und ihr Leben ist der Mittelpunkt. Dem Zuschauer erscheint das ganze aber eher als großer Kitsch im Vergleich zur Tristesse des realen Alltags. Es ist wie der Blick eines Gottes, der das Leiden von Bess gar nicht wahrnimmt oder nicht zu schätzen weiß und sie auch qualvoll sterben lässt. Gott trägt eine rosarote Brille und was auf Erden bitter und traurig ist, verwandelt sich im Himmel in groovy Sound. Ängstlich wendet sich Bess an ihren Gott, bevor sie sich auf das Schiff zu ihrem Vergewaltiger begibt. Und einen Moment früher sehen wir die Szene aus Gottes Sicht bereits auf uns zukommen. Eine beeindruckender Blick auf den Hafen, Abendstimmung in den Farben blue and purple. Der Ideale Ort für den Show down und Bess‘ Erlösung. Dazu läuft passend Deep Purple, ein Klassiker zum mitsummen, der Bess scheinbar belanglos ins Verderben schickt. Aber so monumental in Bild und Ton macht Opfern doch Spaß!

God´s View ist der Kitsch schlechthin, und daran glaubt Bess, dafür opfert sie sich. So ist es auch nicht verwunderlich, dass am Ende die Glocken läuten. Bess hat ihr Ziel erreicht, jetzt hat sie die Glocken, doch zu welchem Preis? Vielleicht stellen sich so auch viele fanatische Selbstmordattentäter den God´s View vor, nur dass bei denen meist am Ende nicht die Glocken Leuten, sondern das Paradies winkt.

Von Trier lässt Bess ihren Glauben, ihren Gott den er nicht ernstnimmt, aber er lässt kein gutes Haar an der dogmatischen Religion der Dorfgemeinde, die Bess, einem guten Menschen, derartige Flausen in den Kopf setzt. Bester Beleg hierfür ist, wie auch Makarushka schon erkannte, dass er gerade mit Absicht die Glocken läuten lässt und auf diese Weise das Recht vermeintlich auf Bess Seite schiebt. Das heißt keineswegs, dass wir an das Wunder glauben sollen. Es ist wohl eher wie eine Schuldzuweisung an die Religion der Dorfgemeinde, die aus der guten Bess die tote Bess gemacht hat.

Diese Interpretation gibt den „Entdeckungen“ Makarushkas erst eine Begründung und somit Sinn.

Ergänzend zum Thema Glocken, die ja nicht das Wunder waren, sondern ihr Läuten das auf der Erde Gehör fand, könnte man noch eine weitere Vermutung anstellen. Jans Heilung wird im Film nie explizit Bess zugeschrieben, aber ich vermute, wie das Geräusch der Glocken, das die Männer hörten, konnte dies nur geschehen, weil Jan und die anderen an Bess und das fast schon unfehlbar Gute in Bess glaubten, unabhängig von Bess Glauben und Religion. Denn wie schon erwähnt, stellt sich für mich gar nicht erst die Frage, ob Bess gut ist. Lars von Trier lässt für mich bei der Darstellung der kindlich-reinen Bess gar nicht erst den Zweifel daran aufkommen.

Vorzeigefrau Bess?

Ob nun freier Wille oder sense of freedom, für beide Varianten muss eines gelten: Bess prostituiert sich für Jan, weil sie ihn liebt. Ihre Idee ihn damit zu heilen, bzw. der Glaube an Jans Worte diesbezüglich, sollen also nur durch ihre Liebe entstanden sein und nichts mit der vorherrschenden Religion zu tun haben. Das halte ich schlichtweg für nicht glaubwürdig, wobei mir auch Lars von Trier zustimmen würde. Außerdem hat dieses Wissen überhaupt keine weitere Bedeutung für die Analyse, zumal Makarushka sich ja gar nicht mit Fanatismus und seinem Einfluss auf Bess beschäftigt.

Stattdessen beschäftigt sie sich mit der Stellung der Frau, Arten der Religionsausübung und dem Guten. Dass sie meines Erachtens auch hierfür nicht immer die richtige Fragestellung traf, lag wohl daran, das Makarushka Bess zwanghaft zu einer „Guten“ machen wollte, die weder ein vorzeige-religiöses Aufziehmännchen ist, noch verrückt, noch eine Heilige oder ein Wunder, noch unter irgendwelchen Zwängen steht. Kurzum, Bess als die gute, freie Frau, die zu recht bewundert werden darf und anhand deren Leben man sieht, wie schwer es Frauen haben.

Zumindest wurde sie so dem Kriterium für Filmanalysen gerecht, etwas neues oder einen neuen Ansatz der Betrachtungsweise zu erschaffen. Nichts desto trotz verzichtet dieser Analyseansatz aber auf wichtige Hintergrundinformation, wie z.b. die Aussagen Lars von Triers, die für mich persönlich zu wichtig sind, um sie zu übergehen, zumal sich konkrete Hinweise der Verifizierung dieser Aussagen im Film finden lassen. Als schade empfinde ich es auch, wie spärlich diese Analyse mit formal ästhetischen Gesichtspunkten des Films umgeht, die gerade diesem Film, wie auch in anderen Analysen hierzu geschehen, einen guten Zugang ermöglichen. Der Vorläufer des Dogma 95, nur mit Handkamera gedreht, spärliche Lichtsetzung, außergewöhnliche Inszenierungsmethoden, Schauspieler die in die Kamera sehen, Schnitte die kein Fernsehsender akzeptieren würde usw. Gerade dieser Aufschrei, der bei Breaking the Waves durch die internationale Presse ging und sie in zwei Lager spaltete, scheint für Makarushka sehr nebensächlich.

Literaturverzeichnis

Benjamin Kempas, Student HFF München, „Breaking the Waves bricht die Sehgewohnheiten“, kleine Studienarbeit, 1997

Stig Björkman, Interview, Cahiers de Cinema, No. 503, S. 24, 1996

Linda Mercadante, „Bess the Christ Figure?: Theological Interpretations of Breaking the Waves”, The Journal of Religion and Film, Vol. 5, No. 1, April 2001

James Berardinelli, „Breaking the Waves” (http://moviereviews,colossus.net/movies/b/breaking.htm)




  1. Transgressing Goodness in Breaking the Waves, Makarushka, Irene S. M., The Journal of Religion and Film, Vol. 2, No. 1 April 1998. Quellenverweise hierzu befinden sich im Text in dieser Form: (TG X),  wobei X die jeweilige Abschnittsnummer angibt.
  2. Diese Hausarbeit spricht von einem freien Willen, den Makarushka bei Bess erforschen will. Der Korrektheit halber muss hinzugefügt werden, dass „free will“ nie der Terminus war, den die Autorin verwendete. Stattdessen spricht sie von „…own sense of freedom.“, oder „…choses to be ‚good‘ out of her own desire to live for the other on her own terms.“. Vermutlich wollte sie mit dieser Terminologie der philosophischen Frage des freien Willens entgegenwirken. Allerdings behaupte ich, Bess Entscheidung sich für Jan zu prostituieren und für ihn zu sterben kann nur dann als nicht erzwungen („whether she is coerced to“) angesehen werden, wenn wir ihr wirklich den freien Willen unterstellen. Ihr eigener Sinn für Freiheit oder sogar ihr eigener Wunsch sich aus Liebe für jemanden zu Opfern kann ja immer schon durch etwas anderes geprägt sein, was ihrer eigenen Freiheit nicht zugänglich ist, wie in diesem Fall z.b. ihrer religiöse Prägung. Somit hielt ich es für korrekt vom freien Willen zu sprechen.
  3. „This film is about good“ lautet der Titel der Directors Notes zu Breaking the Waves.
  4. Siehe ‚Einseitige Dialektik‘ und ‚Die lebensgebende Kraft der Liebe‘.
  5. Im Bezug auf die Gottgespräche oder unter ‚Die lebensgebende Kraft der Liebe’
  6. In Abschnitt (17) heißt es, dass sich  die Frage nach der dominierenden Wahrnehmung des Guten stellt, genauso wie die Frage ob Bess gut ist, weil von Trier moralische Annahmen und Werte relativiert. Zwar erkennt sie, dass Bess Absichten nur in größerem kulturellen Kontext zu erkennen sind, doch mit diesem Wissen unterstreicht sie nur von Triers Demontage der gegebenen moralischen Werte und geht nicht etwa auf eine Sicht des Zuschauers ein.
  7. « Mon intention n´a pas été de critiquer une communauté de fidèles précises, comme celle qu´on trouve dans ce milieu écossais. (…) c´est trop facile. »Cahiers de Cinéma, No. 503, S.24, Interv., Stig Björkman, 1996
  8. So aber fragt Makarushka in Abschnitt (8)
  9. Die Gottgespräche dauern bis zum Moment ihres Todes an.
  10. Cahiers de Cinéma, No. 503, S.24, Interv., Stig Björkman, 1996
  11. „Whether or not Jan asks her to take lovers because he is heavily medicated or because the injury created a mental imbalance is not the issue.” Abschnitt (47)
  12. „Stellan Skarsgård alias Jan, der Beschützende, ‘macht sich Vorwürfe: Er fürchtet, daß Bess‘ Lebensfreude dahinschwinden könnte an der Seite eines Krüppels. Er möchte ihr ‚Gutes‘ tun und bittet sie ernsthaft und ehrlich, sich einen anderen Liebhaber zu nehmen.’“ Benjamin Kempas, Student HFF München, kleine Studienarbeit, “Breaking the Waves bricht die Sehgewohnheiten”, 1997
  13. Ebenda
  14. Vgl.: „…von Trier parallels Bess´ sufferings with those of Jesus – she is condemned by the holders of the law, suffers for the sake of those she loves, and, ultimately, offers a path to salvation.” James Berardinelli, „Breaking the Waves” (http://movie-reviews,colossus.net/movies/b/breaking.htm)
  15. Benjamin Kempas, Student HFF München, kleine Studienarbeit, “Breaking the Waves bricht die Sehgewohnheiten”, 1997

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