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Ich bügle gerade – Kurzgeschichte

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Ich bügle gerade, der Fernseher läuft, da sehe ich ihn plötzlich, den Bösewicht Nummer eins des 21. Jhdt., George W. Bush. Er ist unterwegs mit Tommy Lee Jones, beide haben eine Große Flinte in der Hand. Von Presse und Bodyguards bewacht, marschiert der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika mit seinem Schauspielerfreund über einen Golfplatz, auf der Jagd. Von Loch zu Loch spazieren sie über das perfekt gepflegte, leuchtende Grün, man kann nicht hören, über was sie sich unterhalten. Dann wieder ein Schuss, Bush hat eine Taube erwischt. Tommy schießt auch, die Kamera fängt nicht ein, was er vielleicht getroffen haben könnte, dann der Unfall. Bush erwischt eine weitere Taube, Tommy bricht zusammen, er liegt stammelnd auf dem Boden, eine Hand am Hals, er blutet, was war passiert?

Es scheint nicht so schlimm zu sein, er wirkt ganz gelassen, kann nur nicht aufstehen. Wurde er getroffen? In der Wiederholung sieht es aus, als würde er von einer getroffenen Taube getroffen, oder zumindest von Teilen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, meine Gedanken werden vom Klingeln des Telefons aus ihren Bahnen geworfen. Nur mit einem Ohr höre ich die Stimme am Hörer, das andere Ohr starrt wie gebannt auf den Fernseher, erlebt alles live mit, der 9/11 Effekt fesselt mich. Das ungefesselte Ohr wird vollgesülzt.

„Herr A., es tut uns leid, aber ihre beiden Lieblingscurrywurstbuden mussten schließen. Wir mussten umziehen und sind jetzt etwas weiter entfernt. 50 Meter. Wir wollen uns bei ihnen für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.“

Was, ich bin gar nicht richtig da, wage nicht zu widersprechen, bin mir nicht sicher ob ich alles richtig verstanden habe, fixiere immer noch den am Boden liegenden Tommy Lee.

Zuckersüß fährt die Frauenstimme fort, unbeeindruckt von meiner geistigen Lähmung: „Wir wissen nicht, ob wieder eine Currywurstbude in ihrer Nähe öffnen wird, die ihnen ebenfalls Cerealien on the Rocks anbietet, aber wir werden sie informieren und weiter auf dem Laufenden halten und nochmals vielen Dank für ihre Unterstützung.“

So zuckersüß sagt sie es, dass ich allmählich aufwache. Doch da kommt der Arzt und kümmert sich um Tommy. Er zieht ihm einen Knochen aus dem Hals, ich weiß nicht ob es sein eigener ist oder der der Taube. Bush macht ein dummes Gesicht, ich ein noch dümmeres. Der Arzt scheint besorgt, nur Tommy Lee ist ganz gefasst. Er weiß es, er weiß, dass es jetzt aus ist. Dann sehe ich plötzlich durch Tommys Augen: Der Arzt und Bush starren mich an, der Knochen liegt auf meiner Brust, die Gesichter von Bush und dem Arzt verschwimmen in einem Mosaik und ich rühre das Ganze mit dem Finger um, bis nur noch bunte Farben zu sehen sind. Ton gibt es keinen mehr, Tommy ist taub. Er macht ein dummes Gesicht und schmiert mit seinem Finger im Gesicht von Bush herum. Der wiederum fühlt sich pikiert und macht ein ernstes Gesicht. Er weiß, er hat einen seiner tapfersten Krieger verloren, Tommy muss aufgegeben werden, er, der dem Land große Dienste geleistet hat – jetzt ist er senil, lebt in einem geräuschlosem Refugium aus bunten Farben, ein Malkasten für Kinder, einem Altersheim für Gehirnkranke, es war zu viel für ihn, der Knochen einer Friedenstaube in seinem Hals, erschossen von einer Taube, es ist aus.

Wie lange war ich weg – ich höre die Stimme am Telefon atmen, langsam erinnere ich mich an das Gespräch, die Stimme war so süß, vielleicht kann ich sie mal ficken, ich muss was sagen, worum ging es noch gleich? Cerealien on the Rocks, was zum Teufel soll das sein, sie muss mich verwechseln.

„Ähm, warten sie“, entfährt es mir, „wohin sind sie denn umgezogen?“

Als hätte sie nur darauf gewartet, nennt sie mir die neue Adresse und bedauert nochmals, dass sie jetzt 50m weiter entfernt sind, 50m! Woher hat sie nur meine Nummer, egal, vielen Dank, ich werd mal vorbeischauen.

Eigentlich wollte ich gar nicht bügeln, also höre ich auf und gehe hin. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich hier in der Gegend jemals in einer Currywurstbude war, es ist ein Wohngebiet, ich bin ein Spießer mit Garten. Ich gehe hinein, ein viereckiger Tresen, riesig, alles neu, das ist doch keine Currywurstbude! Sie erkennt mich sofort, nennt meinen Namen, wer ist das? Ich bestelle eine Currywurst, sie fragt, ob ich mein Bier dazu will, mein Bier? Ja, und ich lasse mich überraschen. Sie bringt mir ein Weißbier, dazu einen ganzen Kasten in dem die eine Flasche fehlt, welche in Form eines gefüllten Glases vor mir steht. Ich mag kein Weißbier, auf der Kiste liegt die Rechnung. Wow, 32 Euro, satt. Sie bemerkt meinen dummen Blick.

„Oh, ich habe ja ganz die Cerealien on the Rocks vergessen!“, sie holt Cornflakes und legt sie auf das Bier. Ich bin zu verblüfft, um nach den Rocks zu fragen, bezahle stumm, nehme die Currywurst entgegen und gehe ohne das Bier, ich mag es ohnehin nicht, habe keine Hand mehr frei. Freundlich lächelt sie mir zum Abschied zu, die Cornflakes packe ich mir noch unter den Arm, scheinbar mag ich die ja so gern. Kauend ziehe ich von dannen und bin glücklich. Sie sieht toll aus, ich glaube sie hat mir sogar zugezwinkert.

Auf dem Heimweg höre ich, wie sich die Nachbarn beschweren, über die Maulwürfe. Überall Erde aufgewühlt, das kann so nicht weiter gehen, nein, das kann es nicht, sonst wird Tommy Lee noch blind zur Taubheit dazu, dann hat er nicht einmal mehr die bunten Farben. An was für Unsinn ich denke, vielleicht ist die Currywurst schlecht, oder die Welt, was passiert nur mit mir. Plötzlich muss ich die Currywurst ausspucken und mir wird kotz übel. Das Bügeleisen! Ich habe keine Ahnung wo ich es liegen ließ, aber ausgeschaltet habe ich es bestimmt nicht. Nach einem Spurt in mein Haus muss ich mich erst durch Rauchschwaden kämpfen. Das Bügelbrett ist durchbohrt, der Boden darunter auch, das Bügeleisen hat sich in meinen Keller durchgefressen, doch ich habe gar keinen Keller. Von oben sehe ich, wie es sich weiter in den Boden frisst, ein schönes Bild der Zerstörung. Diese Ästhetik hält mich gefangen, ich will erleben wie es weitergeht, der Zerstörung zusehen, vielleicht erwischt das Bügeleisen einen dieser Maulwürfe. Da gibt mein Fußboden nach und ich lande neben dem Bügeleisen in einem Dreckloch unter meinem Haus, verdammt. Gereizt stelle ich das Ding ab. Als ich, das heiße Eisen in der einen Hand, versuche, quasi einhändig zurück durch das inzwischen sehr große Loch in meinem Boden ins Haus zu gelangen, verheddere ich mich in einem Kabel und fliege aufs Maul, die Spitze des Bügeleisens brennt mir eine kleine Pyramide auf die Stirn, ich sehe aus wie ein Freimaurer und es tut höllisch weh. Aus Wut packe ich dieses verfickte Kabel und ziehe mit aller Gewalt daran. Merkwürdig, es ist lose im Boden verlegt, ich dachte Telefonkabel haben eigene Schächte. Stück für Stück zerre ich es unter dem Boden hervor und krieche unter meinem Haus heraus, quer durch meinen Garten. Jetzt erst bemerke ich, dass auch bei mir die Maulwürfe zugeschlagen haben, überall liegt Erde herum. Scheinbar haben sich die Viecher eine neue Technik ausgedacht. Sie bohren jetzt in Linien knapp an der Oberfläche. Das Kabel liegt genau in einer dieser Linien, vermutlich ist der Maulwurf dem Kabel gefolgt, ein Glück, dass er es nicht durchgebissen hat, sonst hätte ich wohl nie diesen Anruf  beim Bügeln bekommen. Ich habe keine Lust mehr meine Wut an dem Kabel auszulassen und verschiebe das Wiedereinbuddeln auf einen andern Tag. Ich nehme mir vor Maulwurfgift zu kaufen, aber jetzt brauche ich erst mal eine Dusche, die meinen Dreiecksschmerz im Gesicht lindert.

Als ich durch die Küche laufe, rutsche ich in einer riesigen Wasserlache aus, die ich wohl übersehen habe. Ich knalle auf den Boden und es tut höllisch weh. Könnte ich klar denken, könnte ich mir jetzt ausmalen, wie schlimm es sein muss, sich den Kopf zu brechen, aber mit derartigen Kopfschmerzen verzichte ich darauf mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Allerdings bin ich gewillt der Ursache dieser Überschwemmung auf den Grund zu gehen. Wie sich herausstellt, stammt das Wasser aus meiner Cerealienpackung, die immer noch tropft, was wenigstens die Frage nach den Rocks klärt.

Ich schleppe mich in die Dusche und finde Entspannung im heißen Wasser. Tommy Lee geht mir nicht aus dem Kopf, ist das alles wirklich passiert? Der Duschvorhang hinter mir wird aufgezogen und das Mädchen aus dem Currywurstpalast steigt zu mir in die Wanne, nackt. Ich bin im Paradies und genau in diesem Augenblick wird mir alles klar. Die Maulwürfe, diesen verdammten Maulwürfe. Ich verwende meine gesamte Konzentration, die dummerweise gerade jetzt extrem abgelenkt ist, alles noch einmal zu rekapitulieren.

Es war kein Zufall, dass der Maulwurf am Telefonkabel entlang gebuddelt hat, dieser Gedanke ist wichtig, ich versuche in zwischen den Brüsten zu behalten – streng dich an. Kein Zufall, kein Zufall, was war es dann? Na klar, die elektrischen Felder haben sein Gehirn verspult und deswegen…nein, nein, nein, das ist es nicht, wie muss es sein…ich gebe mir ernsthaft Mühe, doch mein Kopf ist im Arsch, dann etwas tiefer…ich hab‘s…natürlich, das Gehirn wird verspult, die machen das, die wollen mich verblöden, mich und die Nachbarn, aber zum Glück habe ich das Bügeleisen vergessen, dumme Menschen kann man eben nicht verblöden. Jetzt habe ich endgültig keine Lust mehr auf die Tussi. Ich lasse sie in der Dusche stehen und gehe meine Theorie prüfen. Jawohl, die Nachbarn sind verrückt geworden. Clausen fährt mit seinem Rasenmähertraktor unentwegt im Kreis, bei Hubers sitzt die ganze Familie mit Körben im Apfelbaum, man bedenke, es ist Frühling und der Postbote steht wie belämmert vor meinem Gartentor und starrt mich an wie ein Trottel, ich hatte also recht.

„Geht’s ihnen nicht gut?“, fragt mich der Postbote. Ich entgegne ihm siegessicher, dass es mir im Gegensatz zu ihm und den anderen sehr wohl gut geht, weil ich nämlich nicht verrückt geworden bin, dank meines Bügeleisens nämlich und ich weise ihn auf den Brandbeweis auf meiner Stirn hin. In diesem Moment merke ich, dass ich noch immer nackt bin, und mit meinem Brandzeichen auf der Stirn vermutlich einen etwas eigenartigen Eindruck auf den Postboten machen könnte. Hurtig verschwinde ich ins Haus, nun gut, den Postboten hat es nicht erwischt, aber der wohnt ja auch nicht hier. Ich überprüfe die Kabel an Fernseher und Telefon – ich hatte Recht. Das Telefonkabel ist nicht eingesteckt, zumindest nicht da, wo es eingesteckt sein sollte. Stattdessen ist es mit dem Kabel verbunden, das ich ausgebuddelt habe. Der Fernseher hingegen ist korrekt verkabelt, also stimmt die Geschichte mit Tommy Lee und Bush. Es ist also ein Komplott, sie machen das mit uns, um uns in die Irre zu führen, sie machen uns verrückt, damit wir nichts dagegen unternehmen, gegen die Verrücktheit in der Welt, gegen die, die uns regieren. Wir sollen glauben, das wir die Verrückten sind und nicht die, wir sollen glauben…

„Peter, Peter, träumst du schon wieder mit offenen Augen, na komm, Mittagessen, alle anderen sitzen schon am Tisch.“ Die Schwester führt mich zum Tisch, natürlich, ich bin ja in der psychiatrischen Klinik, das habe ich ganz vergessen. Ich sage zur Schwester, dass ich endlich einen klaren Moment hatte, dass ich gesehen habe, was wirklich passiert ist, dass es mir gut geht und dass ich im Fernsehen gesehen habe, wie Bush mit der Taube Tommy Lee Jones erschossen hat, doch sie will mir nicht glauben. Sie sagt mir, in Wirklichkeit habe ich die Nachrichten gesehen. Bush war zuerst bei Freunden der NRA zu sehen, mit einer Flinte in der Hand, danach auf einem Golfplatz beim Spielen. Später zeigten sie dann Ausschnitte aus einem neuen Film von Tommy Lee Jones, das war alles. Ich will wissen wie der Film ausgeht, doch die Schwester weiß es nicht. Ich weiß es schon. Tommy wird von seiner eigenen blöden Taube gekillt, die nur so tut als sei sie friedlich. Die Taube kommt nämlich von Bush, den Frieden gibt es nicht und die Seifenoper, die sie uns jeden Tag im Fernsehen verkünden ist Lüge. Die Schwester will mir nicht glauben und setzt mich an den Tisch. Jetzt fällt mir auf, dass sie große Ähnlichkeit mit der Frau in meinem Tagtraum hat. Das Essen kommt. Es gibt Currywurst, aber ich esse nur Cornflakes. Sie können mich nicht täuschen. Ich weiß zwar wieder nicht, wo die Rocks sind, aber diesmal werde ich besser aufpassen. Ich werde nicht wieder ausrutschen und mir den Kopf brechen. Nach dem Essen gehe ich etwas nach draußen, wir haben viel Freigang in unserem Heilzentrum. Früher war es wohl anders, aber jetzt ist es sehr angenehm, hier in der Karibik, in Guantanamo, wo unser Heilzentrum für besondere Fälle liegt, auf einer Insel mit vielen Felsen.

Kurzgeschichte von Christopher Haug

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