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Die Liebesfälscher (2010)

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Die LiebesfälscherDekonstruktion des Zusammenseins: Binoche spielt Kiarostamis Gedanken – weitsichtig, überraschend, schwer.

Zwischen Original und Kopie pendelt Abbas Kiarostami‘s neuester Film DIE LIEBESFÄLSCHER. In dem vom Iraner gewohnt wortlastig inszenierten Werk treffen Juliette Binoche (ohne Namen) und James (William Shimell) aufeinander — geraten aneinander und bewegen sich aneinander vorbei. Die Handlung findet nahezu in Echtzeit statt, die Einstellungen stehen sehr lange und werden kaum unterschnitten, Geräusche und Musik fehlen oft gänzlich. Kiarostami sieht in den belanglosen und gerade zu Beginn auch extrem langwierigen Zwischenmomenten nicht weg, ebenso wenig, wie er die wichtigen Details gesondert aufs Korn nimmt. Das Leben als Notwendigkeit wird so jedoch nur vermeintlich authentisch eingefangen. Tatsächlich lauern in der scheinbaren Unmittelbarkeit von DIE LIEBESFÄLSCHER  penibel ausgewählte Details neben konstruierten Nebenfiguren, die allesamt in literarischer Brillanz den Diskurs von Binoche und James fördern und kommentieren. Was die beiden unterm Strich ausdiskutieren ist schließlich nichts anderes, als die Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihres Zusammenseins. Die vielen Pros und Contras dieses sehr langen Gedankengangs strickt der Regisseur ohne Luft zu holen zu einer Weisheit zusammen, die in der Differenz zwischen museal beschützter Originalität und gelebtem Plagiat den klaffenden Spalt zwischen Binoche und James wiederfindet.

Binoche arrangiert ein Treffen mit dem englischen Buchautor James, der gerade die Übersetzung seines Buches über den

Die Liebesfälscher Binoche und Shimell

Shimell kritisch, Binoche sehnsüchtig: Wird er ihr folgen?

Umgang mit Kopien in der Kunst in Italien vorstellt. Schnell wird klar, dass diese Zusammenkunft für Binoche mehr persönliche als — wie vorgegeben — professionelle Gründe hat. Im zarten Kleid und auf hohen Schuhen begibt sich die vor Verlegenheit und Aufregung leicht flatterhafte Binoche mit dem rauen und unterkühlten Denker James auf die Fahrt in ein toskanisches Dorf. James, der zwar über Kunst schreibt, sich aber lieber mit Leben umgibt, wird von Binoche gegen seinen Willen in ein Museum nach dem anderen geschleift. Im beiläufig begonnenen Dialog wechseln die beiden bald vom Sie zum Du und halten neben vielen nachdenklichen Beobachtungen des Lebens noch eine ganz andere Überraschung für den Zuschauer bereit.

Die Liebesfälscher Museum

Binoche lebt in einem Museum schön drapierter Dinge. Nur wehe die Ordnung wird gestört...

Wo William Shimell eine passend zurückhaltende Darbietung gibt, darf Binoche voll pulsierender Leidenschaft die Rolle der überambitionierten Intellektuellen geben, was ihr 2010 die goldene Palme einbrachte. In ihrer Welt gibt es Traditionen und Rituale, die genauso wie Lippenstift und Ohrringe die Kunst beschreiben, das Leben zu idealisieren. Mehr wie Konservieren wirkt diese Haltung auf James, der das ideale Original lieber verbraucht, die Einfachheit genießt und die Dinge unkonventionell beim Namen nennt. Kiarostami lässt die beiden ihre Positionen derart erbittert verteidigen, dass Tränen fließen.

Der Titel des Buches von James wie der Titel des Films (franz.: Copie conforme)  beschreibt aber doch die Möglichkeit der Annäherung dieser gegenteiligen Positionen. Nur, wie lässt sich das zeigen, ohne den schalen Beigeschmack des Kompromisses? In doppelter und dreifacher Weise lässt DIE LIEBESFÄLSCHER geschickt die Kopie zum Original, das Ideale zum Realen und Binoche zu James übergehen, ohne dass einer der beiden seine Position aufgeben muss. Denn der Film ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Das betrifft sowohl den oben beschriebenen Inhalt, als auch die filmische Machart, die der vermeintlich ungeschnittenen Realität eine artifizielle Stilisierung entgegenstellt und so das Thema des Diskurses seiner Figuren selbstreferentiell aufgreift. Zerknitterte Jacken sind bei Kiarostami folglich kein Fehler, sondern mindestens so sorgfältig komponiert wie jedes andere Kleidungsstück und die vielen Spiegel. Wenn James und Binoche

Die Liebesfälscher Schulter

Shimell will nicht den starken Mann markieren, an den Binoche sich anlehnt.

zusammen spazieren sind sie stets in angeregtem Streit. Schlimm wird es, wenn sie sich setzen und die Kamera die beiden isoliert, denn dann bleibt nurmehr der Streit. Glücklich sind die beiden erst, wenn sie durch einen Spiegel vereint werden, der sie jedoch ebenso trennt. Dieses Glück im Abbild gleicht einem erinnerten Glück, und zu erinnern gibt es mehr als man meint — bis zur letzten Sekunde.

Schade nur, dass der Film einmal mehr die Grenze der maximalen Wortzahl pro Bild voll auslotet und diese trotz durchdachter Inszenierung sehr sparsam auftischt. Das ist freilich gewollt und kann auch unmittelbar mittelbar oder kompliziert einfach genannt werden. Aber so sehr der Film mit seiner selbstreferenziellen Offenheit eindeutige Standpunkte dekonstruieren mag, so deutlich nistet er sich doch mit seiner Machart in der Nische der (pseudo-) intellektuellen Kinogänger, filmgeschichtsaffinen Kritiker und fanatischen Cineasten ein – oder sind es jene, die sich in Kiarostami und seinen endlos verquatschten Autofahren einnisten?

Ähnliche Filme:

Letztes Jahr in Marienbad, Der Wind wird uns tragen, Der Geschmack der Kirsche

Information:

Franz. Titel: Copie conforme

Frankreich, Italien 2010

Dauer: 106 Minuten

Regie: Abbas Kiarostami

Drehbuch: Abbas Kiarostami

DoP: Luca Bigazzi

Darsteller: Juliette Binoche, William Shimell, Adrian Moore, Gianna Giachetti

Genre: Romanze, Drama

Im Kino: 13.10.2011

Im Web:

Die Liebesfälscher in der IMDb

Bilder und Trailer zur Filmkritik von Die Liebesfälscher auf der offiziellen Website  

Copyright Bilder und Trailer: Alamode Film

Die Liebesfälscher (2010), reviewed by Christopher Haug on 2011-10-14T12:33:30+00:00 rating 4.1 out of 5

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